Stanislaw Petrow erhält Auszeichnung in Höhe von 50.000 $ für Mithilfe zur Verhinderung des dritten Weltkrieges – USA verweigert Visum

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Zur Feier, dass heute nicht der 35. Jahrestag des Ausbruchs des dritten Weltkriegs ist, wurde Stanislaw Petrow, der Mann, der am 26. September 1983 dazu beigetragen hat, einen nuklearen Austausch zwischen Russland und den USA zu verhindern, mit dem mit 50.000 Dollar dotierten Future of Life Award ausgezeichnet. Die Verleihung fand im Museum of Mathematics in New York statt.

Der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sagte: „Es ist schwer, sich etwas Schlimmeres für die Menschheit vorzustellen, als einen totalen Atomkrieg zwischen Russland und den USA. Aber es hätte am 26. September 1983 versehentlich passieren können, wenn die klugen Entscheidungen von Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow nicht gewesen wären. Dafür verdient er die tiefe Dankbarkeit der ganzen Menschheit. Wir sollten den Entschluss fassen, zusammenzuarbeiten, um eine Welt frei von der Angst vor Nuklearwaffen zu schaffen und dem mutigen Urteilsvermögen von Stanislaw Petrow gedenken.“

Stanislaw Petrows Tochter, Elena, hält den 2018 Future of Life Award, neben ihr steht ihr Mann Victor. Von links nach rechts: Ariel Conn (FLI), Lucas Perry (FLI), Hannah Fry, Victor, Elena, Steven Mao (Ausführender Produzent des Petrow Filmes „The Man Who Saved the World“), Max Tegmark (FLI).

Bei der UN Generalversammlung, die nur ein paar Blocks weiter stattfand, warnten Politiker zwar vor der atomaren Gefahr, die von Nordkoreas kleinem Nukleararsenal ausgeht. Jedoch erwähnte niemand die größere Bedrohung der vielen tausend Atomwaffen in den Arsenalen der Vereinigten Staaten und Russland, die durch eine scheinbar nie endende Reihe an Missgeschicken und Fehlern schon dutzende Male beinahe entfesselt worden wären.  

Einer der brenzligsten Vorfälle ereignete sich vor 35 Jahren, am 26. September 1983, als Stanislaw Petrow sich entschied, das sowjetische Frühwarnsystem zu ignorieren, welches fälschlicherweise fünf sich nähernde amerikanische Atomraketen anzeigte. Mit seiner Entscheidung, die Algorithmen zu ignorieren und stattdessen auf sein Bauchgefühl zu vertrauen, half Petrow dabei, einen vollständigen Nuklearkrieg zwischen den USA und Russland zu verhindern. Der Dokumentarfilm „The Man Who Saved The World“ erzählt diese Geschichte im Detail und ist ab sofort digital erhältlich. Da Petrow 2017 verstorben ist, nahm seine Tochter Elena die Ehrung entgegen. Währenddessen verpasste Petrows Sohn Dimitri seinen Flug nach New York, weil die US-Botschaft sein Visum nicht rechtzeitig ausgestellt hatte. „Dass jemand kein Visum für die Stadt erhält, die sein Vater vor der nuklearen Auslöschung bewahrt hat, zeigt, wie erkaltet die Beziehungen zwischen den USA und Russland wieder sind. Das steigert die Gefahr eines versehentlich ausgelösten Atomkriegs“, sagte MIT Professor Max Tegmark, als er den Preis verlieh. Die wohl einzige Senkung des Risikos eines versehentlichen Atomkriegs geschah, als Donald Trump Anfang des Jahres in Helsinki einen Gipfel mit Wladimir Putin abhielt, was ironischerweise stark kritisiert worden war.

In Russland sprachen Soldaten oft nicht viel über ihre Taten in Kriegszeiten, aus Angst, sie könnten ihre Regierung verärgern. So hörte Elena erst 1998 – 15 Jahre nach dem Ereignis – von der heroischen Tat ihres Vaters. Selbst dann erfuhren Elena und ihr Bruder erst, was ihr Vater getan hatte, als ein deutscher Journalist die Familie kontaktierte, um einen Artikel über die Geschichte zu schreiben. Es ist nicht sicher, ob Petrows Frau, die 1997 verstorben ist, jemals von der Heldentat ihres Mannes wusste. Bis zu seinem Tod blieb Petrow bescheiden, wenn er zu dem Ereignis gefragt wurde, dass ihn berühmt gemacht hat: „Ich habe nur meinen Job getan“, sagte er immer.

Aber die meisten Leute sind sich einig, dass er an diesem Septembertag 1983 über die Verpflichtungen seiner Verantwortlichkeiten hinausging. Der Alarm über fünf hereinkommende Atomraketen kam zu einer Zeit großer Anspannung zwischen den Supermächten – das US-Militär rüstete in den frühen 1980ern auf und Präsident Ronald Reagan stachelte gegen die Sowjets auf. Anfang des Monats hatte die Sowjetunion ein koreanisches Passagierflugzeug abgeschossen, dass in ihren Luftraum abgewichen war. 300 Menschen starben. Petrow musste diesen Kontext mit berücksichtigen, als er die Raketenwarnungen erhielt. Er hatte nur wenige Minuten, um zu entscheiden, ob die Satellitendaten ein falscher Alarm waren oder nicht. Da die Satelliten normal zu funktionieren schienen, hätte er laut Protokoll einen eintreffenden Angriff melden müssen. Teils aus seinem Bauchgefühl heraus, teils in dem Glauben, die USA würden mehr als fünf Raketen schicken, sagte er seinen Befehlshabern, es handele sich um einen falschen Alarm, bevor er sich dessen sicher war. Spätere Untersuchungen zeigten, dass es sich um Sonnenreflektionen von der Wolkendecke handelte, die der Satellit als Raketenstarts interpretierte.

Die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2017, Beatrice Fihn, die bei der Ausarbeitung des derzeitigen Atomwaffensperrvertrags der Vereinten Nationen geholfen hat, sagte: „Stanislaw Petrow stand vor einer Entscheidung, die kein Mensch treffen müssen sollte, und er entschied sich für die Menschheit – um uns alle zu retten. Keine einzelne Person und kein einzelnes Land sollte diese Art der Kontrolle über all unsere Leben und die zukünftigen Leben haben. 35 Jahre nach dem Tag, als Stanislaw Petrow unser Wohl über die Atomwaffen stellte, halten neun Staaten die Welt immer noch mit 15.000 Atomwaffen als Geisel. Wir können uns nicht weiterhin auf unser Glück und auf einzelne Helden verlassen, um die Menschheit zu bewahren. Der Atomwaffensperrvertrag bietet eine Gelegenheit für jeden von uns und unsere Anführer, sich für die Menschheit und gegen Atomwaffen zu entscheiden, indem wir sie verbieten und ein für alle Mal eliminieren. Die Entscheidung ist entweder das Ende von uns oder das Ende der Atomwaffen. Wir danken Stanislaw Petrow, dass er sich für Letzteres entschieden hat.“

Die Mathematikprofessorin Hannah Fry, vom University College London ist Autorin des neuen Buches „Hello World: How to be Human in the Age of the Machine” und nahm ebenfalls an der Zeremonie teil. Sie betonte, dass wenn immer mehr menschliche Entscheidungen von Algorithmen getroffen werden, es wichtig ist, noch einen Menschen in der Kette zu haben – wie in Petrows Fall.

Der Future of Life Award will diejenigen ehren und belohnen, die außergewöhnliche Maßnahmen treffen, um die kollektive Zukunft der Menschheit zu bewahren. Er wird vom Future of Life Institute (FLI) ausgegeben, einer Non-Profit Organisation, die auch KI-Sicherheitsforschung gemeinsam mit Elon Musk und anderen unterstützt. „Obwohl die meisten in der Schule niemals von Stanislaw Petrow hören, wären sie ohne ihn möglicherweise gar nicht am Leben“, sagte FLI Mitbegründer Anthony Aguirre. Im letzten Jahr ging der Preis an Wassili Archipow, der eigenständig einen Nuklearangriff auf die USA während der Kubakrise verhinderte. Das FLI nimmt derzeit Nominierungen für den Preis im nächsten Jahr entgegen.

Stanislaw Petrow um die Zeit, als er half, den dritten Weltkrieg zu verhindern.